Altair saß und dachte an all das, was er zurückgelassen hatte, als er sich aus dem erbarmungslosen und doch so sanften Griff der Gravitation löste. Er vermisste nicht, nein, er dachte lediglich. Er ließ seinen nun mehr müden Blick durch die Leere des Raums und hin und wieder hinein in das Antlitz der tiefstehenden, von hier aus lächerlich klein wirkenden Erde schweifen. Die Sonne erhob sich an jenem Tage bereits zum 12. Male und erinnerte Altair daran, wie vergänglich seine Wahrnehmung doch war, denn hatte er niemals gedacht, dass der Anblick der aufgehenden Sonne ihn einmal langweilen könne.

Den Sternen war er näher gekommen, zumindest auf dem Papier, denn sahen sie von hier eben so klein und unscheinbar aus, wie sie es immer taten und wie sie es wohl immer tun werden.

“Greif nach den Sternen”, hatten sie ihm gesagt, doch konnte er denn überhaupt wissen, wie weit er zu greifen hatte? Wollte er überhaupt in den Himmel schauen, wenn der Boden doch noch brannte?

Altair musste schmunzeln. So unscheinbar wirkte plötzlich das Unendliche.

Da riss es ihn aus seinen Gedanken, er schreckte hoch und sah sich um.

Wortlos betrat Syd das Abteil, kam schleichend und darauf bedacht Stille zu wahren näher, und setzte sich schließlich auf den noch freien Stuhl, der links neben Altair befestigt war.

“An was denkst du, mein Freund?”, fragte Syd leise, fast schon flüsternd.

Altair wartete ein paar wenige Sekunden, bevor er schwerfällig den Kopf in Syd’s Richtung drehte und das Sprechen begann: “Sag mir, ist es in Ordnung nicht zu vermissen? Ist es in Ordnung einfach zu vergessen?”

“Du sollst doch nicht hier sein während wir Sanaa und Umgebung überfliegen. Es verdrängt das Licht in dir, es legt den Schalter um”, sagte Syd mit leicht verärgertem, doch stets verständnisvollem Unterton.

Altair richtete seinen Blick wieder auf das Panoramafenster und somit auf die Erde und auf die klaffende, brennende Wunde die groß und breit auf ihr prangte.

“Sei mir nicht böse, bitte, doch siehe, sie ziehen gen Westen, die Raketen, und auf der anderen Seite, da ziehen sie gen Osten und würde das Meer sie nicht begrenzen, da zögen sie wohl auch nach Süden”, er schloss die Augen für einige Momente, dann fuhr er schluckend fort,

“wie ein bleierner Mantel begraben sie die Vegetation, die gestern noch so stolz und unbändig in die Wolken hinein ragte. Sie ersticken das Leben und wecken den Staub. Ich kann sie sehen, ihre Schweife sind wie Narben in der Nacht.”

Nachdenklich ließ Syd seinen Blick über den gezeichneten Planeten streifen und tatsächlich, kleine Leuchtspuren zogen sich durch den Nachthimmel und jedes mal wenn sie verschwanden, erblühte irgendwo eine kleine, glühende Blume und jedes Mal wenn sie erblühte, verwelkten dutzend andere. “Du solltest schlafen gehen, Altair. Gönne dir etwas Ruhe”, ergriff Syd mit sanfter und beruhigender Stimme wieder das Wort.

“Ich würde wenn ich könnte, doch ich habe Angst, was das Morgengrauen bringt. Die Granaten kennen keine Nachtruhe”, seufzte Altair.

Sein Partner erhob sich und klopfte ihm auf die Schulter: “Ich weiß, dass es dich verfolgt, doch die Schreie versiegen im Vakuum, du wirst sie niemals hören können und wer nicht hört, kann nicht ändern. So versuche es wenigstens, bitte, mir zu Liebe”

So erhob sich Altair nach einigen schweren Augenblicken und bewegte sich zusammen mit Syd in die Richtung der Schlafräume.

Er legte sich nieder und nach einigen Stunden der Unruhe, schlief er endlich ein.

Anders als Altair, wünschte sich Layal sehnlichst die Augen endlich schließen zu dürfen, denn tanzten die Nachtsträhnen hämisch durch den aufsteigenden Rauch und jene Sterne, die er so perfekt verbarg.

Mit jeder Sekunde die verstrich, wurde ihr Schmerz intensiver und so schien der Himmel, begleitet von lockenden Gesten, ihren Namen zu rufen. Sie gab sich ihm hin. Ganz ohne Gegenwehr. Für Layal war das Leben bedeutungslos geworden, denn war der Himmel der einzige der noch nach ihr rief.

All jene Stimmen, die einst noch so hoffnungsvoll und freudig ihren Namen riefen lagen nun begraben unter den Ruinen, welche zu Layals Flanken ihr staubiges Totenbett säumten. Aus allen Himmelsrichtungen hallten Schreie, Schüsse und hin und wieder, ein einzelner dumpfer Knall. Ohne Unterlass dirigierte der maskierte Dirigent seine tödliche Symphonie.

Über ihrem Kopf kreisten die Geier und jene Raketen, die wie Schwertklingen den Rauch und das darunter verborgene Sternenbild zerschnitten. In stiller Verzweiflung flüsterte sie:

“Jede meiner Narben ziert auch ihre Haut und jede Narbe auf ihrer Haut, ziert auch uns.”

Layal blickte in den Himmel, doch die Sterne blickten nicht mehr zurück. Sie schienen so vergessen, wenn sie niemand leuchten sah.

Die kalte Luft durchflutete ihre Lungen und plötzlich fühlte sie sich frei, als hätte ihr die Kälte Flügel verliehen. Sie transzendierte in die Lüfte und ließ jene geschändete und leblose Hülle zurück, die sie einst mit unglaublicher Kraft auf dem verwüsteten Boden hielt.

“Der Grabstein, der mein erzwungenes Opfer besingt, besingt auch zugleich ihr eigenes und mit all jenen Opfern, die sie erbringen werden, pflastern wir unsere Wege”, flüsterte sie noch, bevor sie das Licht der Sterne erfüllte und in ewigen Schlaf wog.

Er fand Altair schluchzend und mit dem Kopf in seinen Händen verborgen auf jenem Stuhl, auf dem er jeden Abend saß während er die Erde, seine unersetzbare Heimat, beobachtete. Leise kam er näher, doch als er seine Hand auf Altairs Schulter legte und seine tröstenden Worte sprechen wollte, zeigte dieser nur auf das große Fenster, aus dem er normalerweise zu schauen gedachte. Syd folgte seinem Zeichen und das was er sah, ließ ihn seine tröstenden Worte schmerzhaft vergessen. Seine Knie wurden weich und so ließ er sich auf den freien Stuhl fallen.

Das Inferno hatte das Leben verschluckt und selbst die Meere hatten Feuer gefangen, ihre Wellen brannten lichterloh. Asche thronte nun dort, wo einst noch grüne Landstriche den Globus vergnügten. Die Erde atmete schwarzen, schweren Rauch in die Lüfte und so färbte sich der Himmel grau. Den Phönix hatten sie bereits vor seiner Geburt enthauptet und die Asche, auf dem er einmal florieren sollte, türmte sich bis in die Unendlichkeit. Sie dachten jedoch nicht daran aufzuhören, denn weiter oben zeichneten die Nachtsträhnen unnachgiebig ihr farbloses Bild in den trauernden Horizont und schürten so die schweigsamen Tränen ihrer betrogenen Götter.

Altair und Syd hingegen trieben hoffnungslos beobachtend über die versengte Erde hinweg und hinein in die kalte Leere des Raums. Die Feuer brannten, das Leben war verstummt doch die Sterne funkelten, als sei nichts geschehen.

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(Geschrieben im Rahmen des Schreibwettbewerbs “ZeichenSetzen” der Akademie für Kommunikation in Stuttgart. Diese Geschichte belegte den 7. Platz in der Kategorie “Kurzgeschichte”.)

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