Er schloss die Augen und entfloh der toxischen Luft, die die feindliche Sphäre die ihn umgab annähernd vollständig erfüllte. Sofort spürte er, wie sich seine Atemwege befreiten um seine Lungen mit fremder, melancholischer und nach Regen duftender Luft zu fluten. Wie eine neu geborene Pflanze, die ihre kleinen Ärmchen mühselig gen Himmel reckt und streckt, breitete sich die liebliche Luft bis in die hinterletzten Winkel seiner Alveolen aus, um das in ihren Strom miteinbegriffene Leben zurück in die trostlose Seele zu geleiten. Sie erweckte ihn aus dem Jahrhunderte währenden Schlaf, der hinterlistig all seine Glieder erschlaffen ließ, als er wie ein hungriger Wolf hinterrücks an des Opfer Kehle sprang.

Hammer, Amboss und Steigbügel schwangen sanft zu Gaias Melodien und das Gemüt tanzte im Rhythmus der atmenden Wälder. Recht unerwartet erfüllte ihn die Schuld seiner Ahnen und das Leid seiner Nächsten, denn war er es, der einst in Brand gesteckt hatte, was nun irreparabel im Angesicht seiner Heimat prangte. Der blutrünstige Drache erhob sich über dem nahen Horizont um seine schreckliche Kunde zu verlauten, doch blieb dies weitgehend ohne Reaktion, denn so nah ihm der Horizont war, so fern war er doch den Wellen. Jene Wellen, die auf der Bühne des Lebens, unter der Regie des maskierten Dirigenten, fortlaufend ihre immer gleiche Symphonie vor einem andächtig lauschenden und in der tat verzücktem Publikum spielte. Sie enteigneten den Boden, doch kehrten Sekunden später stets beschämt zurück, um zu tilgen jene verlorenen Narben. Doch so sehr sie sich auch bemühten jene Taten zu verwischen, so rissen sie doch jedes mal ein paar wenige Körner des verzweifelten Sandes in ihren tiefen und dunklen Höllenschlund, wo Licht unter dem Leichentuch der Stille verschwand und so seiner belebenden Kräfte beraubt wurde.

Fremde Dimensionen der bekannten Existenz, blühten bunt wie Blumen und hoch wie Eichenbäume, aus dem Unterholz der Ignoranz in das lächelnde Gesicht des kontinuierlichen Potentials. Er resakralisierte den entweihten Boden des Alltags, während hoch oben in den Wipfeln die Krähen lauthals postulierten, dass er dem Wald entfliehen solle, um zurückzukehren in des Löwen Höhle. Doch hatte er sich einst geschworen, in den Nebeln der Endlosigkeit, dass er es nicht mehr vermochte zu betreten jenen kalten, steinernen Bau, denn erfassten Fernweh und Sehnsucht stets sein hilfloses Herz, sobald er sich dem Brüllen des Mörders zu nähern wagte. Völlig benommen transzendierte er unter die Diebe, in eine vergessene und zeitlose Welt. Die Uhr vergaß zu ticken und der Wecker verschlief, denn beide wurden erdrückt vom unbändigen Druck der Irrelevanz. Zeit beugte sich dem Willen der Vergesslichkeit und tief unten schlummerten noch, ohne Aussicht auf Rettung, jene vergessenen Sandkörner. Er gesellte sich zu ihnen. Kuschelnd lag er nun auf ihrem Sterbebett, bis er schließlich verschwand in dem Grabe, dem man weder Grabstein noch Epitaph gewidmet hatte und auf dem man nur selten Blumen zur Ruhe legte, denn waren auch diese Blumen nichts als Last, die getragen werden musste von den zitternden Armen der Erde.

Er öffnete die Augen. Krachend rollte der Zug in den überfüllten Bahnhof ein. Ein Schritt vorwärts, fünfzig Schritte zurück.

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