Und so begann er zu berichten:

 

„Einst war ich jung, jung wie ihr es nun seid. Mit den gleichen großen, blauen Augen blickte ich in den Himmel, sah die komisch geformten Wolken, grüßte die Vögel und dachte mir nicht viel dabei. Mit Grashalmen im Mund spielten wir Fußball, Verstecken und Fangen bis wir uns im heranbrechenden Mondlicht plötzlich fragten, wohin der Tag denn so schnell geflogen sei.

Bei Blitz, Donner, Sturm und Regen riss meine Mutter mich aus dem Schlaf um zusammen mit mir das kleine braune Köfferchen zu packen, das seit Anbeginn der Zeit in der staubigen Zimmerecke stehen musste. Warum ich einen Koffer hatte weiß ich bis heute nicht, denn Reisen war damals nur in unseren Träumen Wirklichkeit. Stets standen wir dann möglichst nahe der Tür um die Flucht ergreifen zu können, sollte es dazu kommen, dass ein verirrter Blitz das einsame und unbeholfene Haus treffen sollte um es somit in Brand zu stecken. Einen Blitzableiter kannte dieses ärmliche Bauernhaus nämlich nicht.

Ich sah, wie sie meinen Bruder einzogen als die Front näher kam und in der Tat, dieser Abend sollte auch das letzte Mal sein das ich ihn sah. Mama war seitdem plötzlich stumm. Zitternd und verwirrt saß ich im dunklen Keller und suchte die Wärme meiner Mutter, während Bomben auf uns projizierten was ein paar wenige verbrochen hatten. Als der Bombensturm endlich wegzog und die Feuersbrunst versiegte, war ich bereits in der Ausbildung und bereit, die Welt zu sehen und zu lieben. Mit glänzenden, weit geöffneten Augen sah ich freudig auf das Leben, welches noch vor mir lag und so verzauberte eines schönen Sommerabends eure Oma mich, während Deutschland Bern verzauberte. Die erste große Liebe als ich 24 war. Wir Heirateten klein und bescheiden. Unsere Eltern tobten, doch das interessierte uns nicht. Denn wir waren frei und jung. Das leben war schnell. Rock’n’Roll und viel zu lange Autos. Glänzende Nächte und schreiende Verführungen hindernden uns am älter werden.

Schließlich trennte die Mauer die Nation und ihre Herzen, Kuba geriet ins Kreuzfeuer, Hamburg ertrank und Vietnam brannte, die Jugend revoltierte und wir trauten unseren Augen nicht, als Neil’s Stiefel den Mondstaub aufwirbelten.

Die Welt drehte sich jedes Jahr ein kleines bisschen schneller und als wir in das neue Jahrzehnt aufbrachen, brach eure Mutter bereits mit uns auf. Mit gräulichen Haare und den ersten Falten hielt ich sie voll Stolz und Optimismus, während Oma erschöpft und glücklich im Krankenhausbett lag. Mir war, als hätte ich nur kurz geblinzelt doch schon besuchte sie das Gymnasium, tanzte zu Bad und Thriller der Morgenröte entgegen und erfuhr von den Gefahren der Liebe. Bei der Zeit, als die Mauer endlich fiel, hatte sie bereits das schützende Nest verlassen, breitete die Flügel aus und flog dem Horizont entgegen. Die Mächte hatten sich vereint, Liebe feierte ihren Triumph doch Oma lag schon abgemagert und haarlos auf dem Sterbebett. Dahingerafft vom Krebs, so wie Millionen andere auch. Bis zuletzt wehrte sie sich, doch als der Wille von der Realität untergraben wurde, schlossen sich auch diese wunderschönen Augen, während eure Mutter und ich ihre Hand hielten.

Zwei  Jahre später wurde ich Großvater. Der Kreislauf schließt sich.

Ihr wuchst gen Himmel, während ich zu schrumpfen begann. Ihr wart draußen um die Tage zu vertreiben, während anderswo Türme fielen und ich erschrocken auf dem Sofa saß und auf jene rund 26.000 Tage blickte, die ich schon verlebt hatte. Ihr wurdet hungriger und ich, ich wurde zufriedener.

Warum ich euch all das erzähle? Nun, das in den letzten 500 Worten war meine Lebensgeschichte. Zugegeben, nicht wirklich detailliert und umfangreich, doch sie klappert grob die Stationen ab, die mich definieren. Das ist nun meine Geschichte. Von Anfang bis nun ja, ich schätze Ende. 500 Wörter die zusammenfassen, wer ich bin und wer ich war. 500 Wörter die meinen Pfad in Stein meißeln und diese fast neunzigjährige Reise in Perspektive setzen. 87 Jahre vergehen im Flug wenn man sie lesend erkundet, ist das nicht ein wenig beängstigend?

Noch gestern war ich wie ihr, mutig und ungeduldig. Die Zeit schien träge und die Jahre unendlich. Ich konnte Morgen nicht erwarten. Erst von dem Tage an, an dem ich anfing, nicht mehr an Morgen zu denken, als ich mutlos und geduldig wurde, als ich mich niederließ….erst von diesem Tage an, begann die Zeit aufzuwachen. An diesem Tage begann der Rest meines Lebens. Zeit ist viel subjektiver als ihr vielleicht denkt, denn derjenige der noch Ziele hat, der lieber leben will als funktionieren, demjenigen steht die Unendlichkeit offen. Der, der jedoch wie die Zahnräder der Maschine nur noch ineinander greift, derjenige, der gestern für heute und heute für morgen hält, derjenige lebt nicht sondern überlebt. Derjenige sammelt die Kalender.

So tut euch den Gefallen, verliert eure Angst, verliert eure Geduld, denn tut ihr das nicht, verliert ihr vielleicht euer Leben und viel wichtiger, ihr verliert euch selbst.“

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