“Nachts, wenn der Mond am hellsten scheint und sich Horizont und Sternenhimmel vereinen, kann man die Seelen der Geopferten in ihren Bombenkratern jaulen hören”, erzählt man sich. Doch er glaubte nicht an Geister. Das Gejaule hat er nie gehört. Wie auch. Es wurde immer übertönt von neuen Bomben und neuen Schreien. Die alten Krater und ihre Schrecken werden kaschiert von immer neuem Leid.

Es ist seine Symphonie. Die Symphonie des Krieges. Die Symphonie der Gewalt und der Trauer. Eine Symphonie ohne erkennbaren Dirigenten und mit eintöniger Instrumentalisierung. Eine Eintrittskarte hat er hierfür nicht erworben. Sie wurde ihm viel mehr aufgebunden. Er sitzt in den Zuschauerreihen und lauscht dem Gewitter. Es scheint, als hätten sich die Götter gegen ihn, gegen uns alle gewandt. Doch es waren nie die Götter, es waren immer nur jene, die sich selbst für Götter hielten.

“Welch grausamer Künstler dieses Stück wohl geschrieben haben muss?”, fragte er sich. “Ein intelligenter, ein kreativer war es jedenfalls nicht”, fuhr er fort. “Solch Monotonie und Stumpfsinnigkeit sieht keinem wahren Künstler ähnlich. Viel mehr dirigiert er um zu dirigieren. Er kontrolliert um zu kontrollieren. Er schafft um des Schaffens willen. Eine andere Intention scheint mir fremd und unerklärlich.”

Staub rieselt von der Decke während ein paar Meter weiter eine Mutter ihr Kind beweint.

“Von der Geburt ins Grab. Das ist nicht wie die Götter es sich für uns erdachten. Doch liegt dies wohl in unserer Natur, in der Art wie wir uns entschieden haben zu Leben. Wir setzen uns Grenzen und damit wir uns nicht langweilen überschreiten wir sie hin und wieder auf der Suche nach Freiheit und Erleuchtung doch merken nicht das wir wie Motten gegen das Licht fliegen bis unsere Körper leblos und leer zu Boden gleiten. Wir sind eine komische, gar eine fremde Spezies. Wir halten soviel von uns doch ist der größte Unterschied vom Menschen zum Schimpansen lediglich, dass der Affe niemals sein eigenes Verderben herbeiführen würde. Doch selbst die schändliche Disziplin der Selbstvernichtung haben wir mit Bravour gemeistert.”

Er senkt den Kopf. Er ist mit sich selbst im reinen und bereit, denn er weiß, das unabwendbare wird kommen.

“Der Bauer, das Volk, die Menschen fallen dem Tyrannen ironischerweise nicht nur zum Opfer sondern auch um den Hals. Wir geben Werkzeug und Idee für unser eigenes Leid. Wir meißeln unseren Pfad in Sand und Stein damit wir lernen doch merken wir immer wieder zu spät, dass die Geschichte sich wiederholt. Geschichte ist nicht Geschichte sondern immer auch Gegenwart und Zukunft. Doch solange diese Erkenntnis dem Denkenden vorbehalten ist wird auch die grausame Seite der Geschichte nicht Geschichte sein sondern grausame Gegenwart und Zukunft. Ich sterbe für nichts. Ich werde wie eine geschlagene Schachfigur aus dem Spiel genommen. Doch mein Platz bleibt nicht leer. Ein neues Spiel beginnt. Und mit ihm, hoffentlich ein neuer Verlauf.”

Er hört das Pfeifen der Bomben. “Wer das Pfeifen der Bomben hört ist verdammt”, sagt man.

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